Pommern - Pomorze

Christian Graf von Krockow (geb. 1927 in Ostpommern) zur Vertreibung

Auszug mit Genehmigung des Autors aus "Die Reise nach Pommern" Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 1985) [Vom Autor wurde u.a. geschrieben "Die Stunde der Frauen" (Bericht aus Pommern 1944 - 1947); dieses Werk erschien auch auf Polnisch und Englisch.]

This page in English: Pomerania - Pomorze
Po polsku: Pommern - Pomorze
von Krockow über Bütow, Lauenburg, Rummelsburg: Was für ein Land!
Gross Tuchen: Ein Dorf in Hinterpommern



Wie eigentlich soll man am Ende zu allem sich stellen? Wie mit den eigenen Gefühlen 
ins reine kommen? Ist es überhaupt möglich, zwischen Pommern und Pomorze genau zu 
unterscheiden, geraten das Vergangene und die Gegenwart einander nicht doch und 
vielleicht hoffnungslos in die Quere?
Zur Genauigkeit des Erinnerns muß vor allem eines gehören, und man muß es wieder 
und wieder sich klarmachen: 
Das Unheil hat nicht mit der Flucht oder Vertreibung der Deutschen 1945 begonnen, 
sondern viel früher; seine Ursachen liegen tiefer. Es war der deutsche Wahn vom 
angeblichen »Volk ohne Raum«, von der deutschen Kultur und der polnischen 
Unkultur, von einer germanischen Herrenrasse und den slawischen Untermenschen, 
der die Schleusen öffnete. Es gab eine Hybris, eine Überhebung, die sich 
schrecklich gerächt hat. Der Eroberungskrieg ging von Deutschland aus, wie das 
Radieren auf der Landkarte, das Umbenennen und das Vertreiben.
Und dann: Kein Volk, die Juden ausgenommen, hat unter den Schrecken des Zweiten 
Weltkriegs so furchtbar gelitten wie das polnische. Denn dieser Krieg wurde 
noch gegen die Besiegten weiter und weiter geführt. Der zeitweilige Herr auf 
der alten Königsburg zu Krakau, der sogenannte Generalgouverneur Hans Frank, 
hat einmal gesagt: »Was wir jetzt als Führungsschicht festgestellt haben, das 
ist zu liquidieren; was wieder nachwächst, ist von nun an sicherzustellen und 
in einem entsprechenden Zeitraum wieder wegzuschaffen.«,
Das waren nicht bloß Worte. Das war die Wirklichkeit.

Was also 1945 über den deutschen Osten hereinbrach und dann, wie immer, in 
erster Linie die Unschuldigen traf und kaum die Schuldigen, die sich durch 
feige Flucht oder durch den Selbstmord ihrer Verantwortung entzogen -, was über 
die Menschen in Ostpreußen, Schlesien, Pommern hereinbrach und sie die Heimat 
kostete, das kam von weit her. 
Das war die Konsequenz des eigenen, des deutschen Wahns.
Im übrigen muß man daran erinnern, daß Polens neuer Westen zum großen Teil 
von Menschen besiedelt worden ist, die selber vertrieben waren, nämlich aus 
den östlichen Gebieten, die Stalin den Polen abforderte. Sieht man die 
Landkarte an, so stellt man fest, daß Warschau heute beinahe so weit an 
den östlichen Rand Polens verschoben ist - wie Berlin an den Rand Deutschlands.

Wenn wir aber von der bitteren Vergangenheit uns losreißen, wenn wir den Blick 
auf die Gegenwart und, vor allem, auf die Zukunft richten, dann ist noch eines 
nötig: Wir müssen einen Schlußstrich ziehen unter jegliches Auf- und Abrechnen. 
Wir müssen anerkennen - und dies nicht bloß mit Worten oder Verträgen, sondern 
wir müssen uns gleichsam von innen her, in unseren Herzen, dazu durchringen, 
daß 1945 eine unwiderrufliche Entscheidung gefallen ist. 
Wir müssen anerkennen, daß aus Pommern Pomorze wurde, Heimat für die Menschen, 
die heute dort leben und arbeiten, die auf den Frieden und etwas Wohlstand 
hoffen, schon in der zweiten, der dritten Generation. Anerkennen im Interesse 
der eigenen Kinder, der Enkel und der weiteren, noch ungeborenen Generationen, 
damit sie von neuem Unheil verschont bleiben.

Jahrhunderte hindurch haben Polen und Deutsche friedlich miteinander gelebt. 
Wenn es wieder so werden und ein neues Miteinander das Mißtrauen überwinden 
soll, wenn wir das Land im Osten wirklich lieben und dorthin so unbefangen 
reisen wollen, wie wir entsprechend unbefangen empfangen werden möchten, 
dann gibt es tatsächlich keinen anderen Weg: Wir müssen uns ganz und wahrhaftig 
zur Anerkennung dessen durchringen, was ist. Grenzen verhärten und verschließen 
sich, sobald man sie antastet; sie können zu Brücken werden, wenn man sie bejaht.
Ich weiß und beeile mich, es für mich selbst zu bekennen: Dies ist leichter 
gesagt als getan. Zu tief waren - hüben wie drüben - die Verwundungen. Sie sind 
kaum vernarbt, sie bereiten noch Schmerzen; schon ein einziges unbedachtes Wort 
kann sie neu aufreißen. Und was vermag man denn gegen die eigenen Gefühle? 
......
Aber auf einmal ist das Gesuchte da, aufgetaucht aus dem Erinnern. Es ist ein 
Gedicht, schon vor anderthalb Jahrhunderten geschrieben - von einem Flüchtling 
aus Frankreich, der zum deutschen Dichter wurde, von Adelbert von Chamisso.' 
Es heißt: >Das Schloß Boncourt< und beginnt mit den Worten:

   Ich träum' als Kind mich zurücke
   Und schüttle mein greises Haupt;
   Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder, 
   Die lang' ich vergessen geglaubt?

Und es sagt gegen sein Ende hin, was genauer, angemessener nicht gesagt 
werden kann:

   So stehst du, o Schloß meiner Väter, 
   Mir treu und fest in dem Sinn, 
   Und bist von der Erde verschwunden, 
   Der Pflug geht über dich hin.

   Sei fruchtbar, o teurer Boden! 
   Ich segne dich mild und gerührt 
   Und segn' ihn zwiefach, wer immer 
   Den Pflug nun über dich führt.